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Sunday, June 3, 2018

Ein Museum ist mehr als (s)eine Ausstellung

Die Kolumne „Des:orientierungen“ soll die „hintergründige Berichterstattung über Westasien und Nordafrika, die sich nicht an der Nachfrage der konventionellen Medienökonomie orientiert [...] leisten.“ Diesem Anspruch wird der Beitrag „Display It Like You Stole It“ leider nur sehr eingeschränkt gerecht, denn er reiht sich recht konventionell in die zur Zeit durchaus übliche Kritik an Museen ein, die sich auf die ständigen Ausstellungen bezieht und das Fehlen der Objektgeschichte (Provenienzen) thematisiert.

Dies ist eine sehr begrenzte Betrachtungsweise, denn die übrigen Museumsaufgaben des Sammelns, Bewahrens, Erforschen und Vermittelns werden dabei nicht berücksichtigt. Ein verzerrtes Bild entsteht dadurch vor allem, weil einige ganz simple Voraussetzungen schlicht ausgeblendet werden:
  1. Das Sammeln von Museumsobjekten ist von den sozialen, kulturellen, kulturpolitischen und politischen Rahmenbedingungen geprägt, die zum jeweiligen Zeitpunkt des Zugangs zu einer Museumssammlung herrschten. Hinzu kommt in vielen Fällen eine Objektgeschichte vor diesem Zugang (z.B. bei privaten Sammlern), die wiederum solchen spezifischen Rahmenbedingungen unterlag.
  2. Bevor Museumsobjekte ausgestellt werden können, müssen sie nicht nur als Objekte bewahrt, sondern auch umfassend dokumentiert werden. Umfang und Qualität der Museumsdokumentation sind erheblichen Schwankungen ausgesetzt und erst seit Beginn der Digitalisierung haben nennenswerte Bestrebungen einer Standardisierung eingesetzt.
  3. Die Forschung zu Museumsobjekten war bis vor kurzem fast ausschließlich fachwissenschaftlich geprägt. Provenienzforschung ist demgegenüber eine sehr junge Forschungsrichtung: der erste Lehrstuhl in Deutschland wurde 2015 eingerichtet.
  4. Die Erweiterung der Forschung auf dem Gebiet der Provenienzen erfordert zusätzliche finanzielle Mittel, Personal und vor allem Zeit. Die in den heutigen Ausstellungen von Museen verfügbaren Informationen zu den Museumsobjekten sind nicht nur das Ergebnis langjähriger Forschungen, sondern sie müssen auch immer wieder am aktuellen Forschungsstand geprüft und ggf. aktualisiert werden – spätestens bei der Erarbeitung einer neuen Ausstellung.
  5. In vielen größeren Museen sind die ausgestellten Objekte ein kleiner Teil der gesamten Sammlung. Für die Konzeption einer neuen ständigen Ausstellung oder grundlegender Aktualisierungen einer bestehenden kann nicht nur der Bestand der bisher ausgestellten Objekte betrachtet werden. Vielmehr ist immer die Einbeziehung weiterer Sammlungsteile erforderlich, da sich das Sammlungsprofil (Sammeln), der Zustand von Sammlungsobjekten (Bewahren), der Forschungsstand oder Vermittlungskonzepte ständig verändern.
Detail im Aleppo-Zimmer, 1912 erworben von der Familie Wakīl, „die ihr Haus modernisieren wollte“ (vgl. SMB-digital: I. 2862)
Diese allgemeinen Bedingungen gelten auch für das Museum für Islamische Kunst in Berlin, dessen Ausstellung im Beitrag „Display It Like You Stole It“ erwähnt wird. Die Sammlung des 1904 gegründeten Museums war nach dem 2. Weltkrieg geteilt und wurde nach der organisatorischen Zusammenführung 1992 in den folgenden Jahren nach und nach an einem Standort im Pergamonmuseum (mit zusätzlich verschiedenen Depotstandorten und diversen Umzügen) neu strukturiert. Kurz nach der Neugestaltung der ständigen Ausstellung im Obergeschoß des Südflügels des Pergamonmuseums wurde mit den konzeptionellen und Bauplanungen für den Umzug in den Nordflügel des Pergamonmuseums begonnen, die derzeit andauern, gleichzeitig finden Veränderungen in der aktuellen Dauerausstellung statt. Nur durch zusätzliche Fremdmittel und zusätzliches Personal konnte von 2012 bis 2017 im Rahmen des Yousef Jameel Projekts die Digitalisierung von 11000 Museumsobjekten erreicht werden (bei ca. 93000 Objekten insgesamt, vgl. „Wilde und konzentrierte Jahre – Stefan Weber“).

Bisher konzentrierte sich die Provenienzforschung vor allem auf NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kunst- und Kulturgut in öffentlichen Einrichtungen (vgl. Deutsches Zentrum für Kulturgutverluste). Die umfassende Erforschung der Herkunftsgeschichte ist eine zusätzliche Aufgabe, die – wie das erwähnte Digitalisierungsprojekt – finanzielle Mittel, Personal und Zeit erfordert, sowie die gleichzeitige Weiterführung der ständigen Aufgaben (Dokumentieren, Bewahren, Erforschen, Ausstellen und Vermitteln) voraussetzt. Das bedeutet entweder, daß die finanziellen Träger der Museen diese Rahmenbedingungen schaffen, oder daß zusätzliche Strukturen für die Einwerbung von Fremdmitteln entwickelt werden – die dann ebenfalls finanziert werden müssen.

Die umfassende und differenzierte Betrachtung der Gedächtnisorganisation Museum macht deutlich, daß einfache und schnelle Lösungen nicht zu haben sind. Das „Dossier Provenienzforschung“ vermittelt einen Eindruck von der Komplexität dieser Herausforderung. Der Beitrag „Warum dauert das denn so lange?“ zeigt am Beispiel eines Forschungskonvolutes von ca. 950 Werken aus der Sammlung der Zeichnungen den erforderlichen Aufwand für die Identifizierung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kunst- und Kulturgut.

Dieser Aufwand ist entsprechend höher bei heterogenen Sammlungen, die ebenso archäologische Objekte aus Grabungen wie Kunstwerke aus dem Kunsthandel oder von privaten Sammlern enthalten. Soll zusätzlich zur Einzelfrage nach der Rechtmäßigkeit des direkten Erwerbs durch das Museum die wesentlich umfänglichere Objektgeschichte möglichst vollständig erforscht werden, um die anfangs erwähnten sozialen, kulturellen, kulturpolitischen und politischen Rahmenbedingungen einbeziehen zu können, lassen sich die dafür erforderlichen Anstrengungen vorher kaum abschätzen.